Die Browser-Kriege sind jetzt mehr zu einem Unabhängigkeitskampf des letzten verbleibenden gallischen Dorfs geworden (nur ohne Zaubertrank). ORF.at ist das einen "großen" Artikel wert:
https://orf.at/stories/3177145/
Mozilla, der letzte noch vorhandene unabhängige Browser (kostenlos, betrieben von einer Non-Profit-Organisation) der nicht auf Googles Chromium basiert (Opera, Edge basieren mittlerweile alle auf Google), baut wieder Stellen ab, und diesmal massiv.
Unter Aktivisten gilt Mozilla tatsächlich als großer Verfechter des Datenschutzes – das ist nicht zuletzt in der Unternehmensstruktur verankert: Eine Non-Profit-Stiftung ist für die Projektleitung zuständig, der Quellcode des Browsers ist komplett frei einsehbar, prinzipiell kann sich jeder an der Entwicklung beteiligen. Und: Nachdem Mozilla nicht an der Börse notiert, kann der Browser auch nicht ohne Weiteres von einem anderen Konzern aufgekauft werden.
Die Sorge nach der Ankündigung Mozillas ist aber auch deshalb groß, weil Firefox in der Praxis der letzte namhafte Konkurrent von Googles Chrome ist. Zwar gibt es alternative Browser, etwa Microsofts Edge, Opera und Vivaldi, die einen messbaren Marktanteil haben. Doch sie alle setzen mittlerweile auf einen Browser-Kern von Google.
Mozilla setzt hingegen auf Eigenentwicklungen unter den Codenamen Gecko und Quantum – und ist damit auf technischer Seite unabhängig von Google.
Doch auch ohne Chrome-Varianten ist der Marktanteil des Google-Browsers mittlerweile enorm. Zwar gibt es keine komplett verlässlichen weltweiten Daten, Googles Chrome führt allerdings jede einzelne große Statistik an. Auf Computern liegt der Browser – je nach Anbieter der Zahlen – zwischen 60 und 70 Prozent, Firefox ist in diesen Statistiken nur noch knapp zweistellig. Auch am Handy führt Chrome die Listen an – hier ist vor allem Apples Browser Safari ernstzunehmende Konkurrenz. Firefox spielt mobil praktisch gar keine Rolle.
Ich verwende zwar Mozilla auch am Handy (
aA: ich), aber ich sehe schon ein, dass das unnötig ist: Am Handy trackt einen jedenfalls Alphabet oder Apple, und jede zweite App. Was man da für einen Browser hat, ist schon wirklich egal.
Was die enorme Dominanz eines einzelnen Webbrowsers für das gesamte Netz bedeutet, zeigte Microsofts Internet Explorer bereits in den 90er Jahren. In der Zeit der „Browserkriege“ versuchte Microsoft auf dem Markt Fuß zu fassen – zu der Zeit war Netscape Navigator (aus dem später Firefox hervorging) der meistverwendete Browser. Die Strategie, den eigenen Browser mit dem Betriebssystem auszuliefern, funktionierte – zum Ende des Jahrhunderts hatte Microsoft einen Marktanteil von über 90 Prozent.
Der Artikel endet aber mit einer optimistischen Note:
Dass die erwähnten Aktivisten jetzt einfach Kohle springen lassen, so wie sich auch Wikipedia primär durch Spenden finanziert, erwähnt der ORF nicht, daran glaubt er wohl nicht wirklich.
Sondern Alphabet könnte so tun, als ob sie nicht gezwungen wären, Mozilla zu retten. Was das heißen soll: Sobald in den USA wer an die Macht kommt, dem sie nicht genug gespendet haben (oder sich die EU zusammenreißt), könnte man sich deren Marktdominanz mal aus kartellrechtlicher Sicht ansehen, was gegebenenfalls zu einer Zerschlagung führen könnte. Wenn Google jetzt den einzigen, verbliebenen echten Konkurrenten rettet (und an Trump und Biden spendet), müssen sie sich vor den Kartellbehörden nicht so viel fürchten.
Die andere Variante ist natürlich, sie nutzen ihre Macht als Browser, Suchmaschinenbetreiber usw und sorgen dafür, dass überhaupt niemand etwas von Mozilla und Kartellrecht im Internet (keine Fehlbezeichnung, hier meine ich wirklich das Internet, nicht nur das WWW) findet.
Don't be evil.
